"I gfrei mi wahnsinnig": Rapid Wien im Europacupfinale
Warum Rapid
Wien am 8. Mai Österreichs erster Europacupsieger werden kann
Roland Koberg
Wenn Rapid in Wien
ein Tor schießt, dann flattern in der Fankurve die grün-weißen
Fahnen. Nur zwei sind schwarz-rot-gold. Auf dem einen Tuch steht: "Rapid
- Deutscher Meister 1941". Das andere stammt aus der DDR. Für beides
hat der Rapid-Fan eine Erklärung. Deutscher Meister, das sei man eben
nur ein Mal geworden, durch ein legendäres 4:3 gegen Schalke 04 in Berlin
(drei Tore "Bimbo" Binder). Was kann man dafür, wenn's "zeitlich deppert
gefallen" ist? Und mit der DDR verbindet Rapid eine lange, wunderbare Freundschaft.
Zum Beispiel
Gaby. Die Dresdnerin ist seit Teenagertagen Fußballfan, war dabei,
als 1985 ihr Stadtclub Dynamo gegen Rapid Wien im Europacup verlor und die
Fanclubs trotzdem Freundschaft schlossen. Sechs Tage nach dem Fall der Mauer
1989 kam sie zum ersten Mal für ein Fußballspiel nach Wien. Auf
dem Rückweg tauschte sie Adressen mit einem Rapid-Anhänger, der
sich nur mal am Bahnhof umsehen wollte, "wie die Leute, die da kommen, so
ausschauen". Zwei Jahre später heirateten die beiden in Wien.
Gaby und
ihr Mann leiten den "Fanclub Wiener Sachsen" mit 23 Mitgliedern. Sie haben
Rapids schlimmste Jahre durchgemacht. Dann kam Ernst Dokupil, der Trainer,
und schließlich auch ein junger Stürmer, Carsten Jancker aus Rostock.
Er ist es, der Rapid jetzt ins Europacupfinale der Pokalsieger geschossen
hat.
Als Sechzehnjähriger
war Jancker zum 1. FC Köln gestoßen - nach fünf Jahren saß
er immer noch auf der Ersatzbank. Da entdeckte ihn Rapids Trainer Ernst Dokupil.
Ein knappes Jahr später erzielte Jancker für die Wiener drei Tore
im Halbfinale gegen Feyenoord Rotterdam. In den Straßen der österreichischen
Hauptstadt skandiert man seither: "Finale! Finale! Europacupfinale!"
Es ist noch
nicht lange her, da war Rapid Wien reif für den Konkurs. Der Gang an
die Börse endete 1994 mit einem Desaster. Der Chef der Rapid AG war
in den USA wegen Drogengeldwäscherei verhaftet, die Aktien waren plötzlich
wertlos geworden. Die Bank Austria, welche die Rapid AG durch Firmeneinkauf
unfreiwillig geerbt hatte, wollte den Verein zunächst sterben lassen
oder, was den danubischen Fußballfreund noch schrecklicher anmuten
mußte, mit dem Erzrivalen Austria Wien fusionieren. Nur ein Wunder
konnte den 1899 aus dem "1. Wiener Arbeiter-Fußballklub" hervorgegangenen
SK Rapid retten.
Für
das Wunder sorgten die Rapid-Fans selber. Zu Hunderten drohten sie, bei einer
Liquidation des Vereins ihre Konten bei der Bank Austria aufzulösen.
Das zeigte Wirkung. Statt Konkurs wurde für Rapid ein Vergleich beantragt,
Präsidium und Trainerposten umbesetzt. Mit umgerechnet 14 Millionen
Mark stürzte sich Österreichs größtes Geldinstitut ins
Abenteuerland Vereinsfußball. Und siehe, 1996 wird Rapid Wien Gewinne
schreiben - dank eines Zuschauerbooms, dank eines möglichen Meistertitels
und nicht zuletzt dank der Tore von Carsten Jancker.
Wer hätte
das im vergangenen Herbst von dem Einundzwanzigjährigen gedacht? Gaby
und die Wiener Sachsen, klar, aber auf der Tribüne wurden seine ersten
Auftritte eher bespöttelt. Man hieß ihn ein ungelenkes Riesenbaby,
dem Tore mehr passierten als glückten. Der Ossi wurde der ihm zugedachten
Rolle als Minder-Ösi gerecht. Dann kam die Sache mit dem Kopf.
Immer wenn
ihn ein europäischer Gegenspieler am Schädel traf - Statistiken sind
da gnadenlos -, schoß Jancker Tore. Mal mit blutender Stirn, mal mit
dickem Verband, mal mit Beule. Als "Turban Turbo" wurde der Piefke plötzlich
liebgehabt wie vorher nur der Ex-Rapid-Spieler Bernd Krauss. Trainer Ernst
Dokupil hat mittlerweile festgestellt: "Wenn der Carsten ein fertiger Stürmer
wird, dann kann das einer sein, den man mit normalen Mitteln nicht mehr neutralisieren
kann."
Das Leben
ist voller Entscheidungen, die man nicht selber fällt. Ob in Wien jemand
Rapid oder Austria nahesteht, hatte früher mehr mit Herkunft (proletarisch
oder bürgerlich) und hat heute mehr mit Metaphysik zu tun. Rapid oder
Austria, das ist wie St. Pauli oder HSV, das ist wie 1860 oder Bayern. Nur
noch komplizierter, ohne Klein und Groß. Allerdings ist Rapid derzeit
in Mode, Austria nicht.
Keiner weiß
das besser als Trainer Ernst Dokupil. "Rapid im Europacupfinale", sagt der
aufs erste etwas schwerfällig wirkende Endvierziger, "das ist halt jetzt
passiert." Ob ihm das nicht Erfüllung ist? "I gfrei mi wahnsinnig, aber
mehr net." Wenn Rapid ihn nicht geholt hätte, sagt Dokupil, "säß'
ich in meinem Garten und wär' auch zufrieden. Ich bin an und für
sich ein zufriedener Mensch."
Wien-Hütteldorf,
das wird auf jeden Fall seine letzte Trainerstation gewesen sein. "Was soll
ich im Ausland, wo irgendein Verein mir die Wohnung anmietet und einrichtet?
Was bei Bayern München passiert, ist doch grauslich: Was kann Otto Rehhagel
dafür, wenn der Verein quer durch den Gemüsegarten Charaktere zusammenkauft,
die dann noch dazu alles öffentlich austragen?" Nein, nach Rapid stellt
sich Ernst Dokupil nur noch eine Frage: Pensionierung oder Pensionsversicherungsanstalt.
Letztere hat ihn nämlich nur beurlaubt, dort hat er seinen Beruf, während
Trainer, "das ist mein Hobby".
Wer solches
hört, vermutet in Ernst Dokupil kaum jenen schlitzohrigen Taktiker,
für den ihn Fachleute halten. Wer etwa mit Christian Stumpf und Carsten
Jancker zwei klassische Mittelstürmer nebeneinander aufstellt, fällt
normalerweise schon bei der Trainerprüfung durch. Da aber Rapids Mittelfeld
von Österreichs kreativsten Spielern Peter Stöger und Dietmar Kühbauer beherrscht wird, kommen auch die zwei Riesen vorne gut zurecht. Wirklich,
der allererste österreichische Europacupgewinn ist möglich. Obwohl
Dokupil einschränkt: "Ich sag' sicher nicht zu meinen Spielern: Ihr
müßt gewinnen!"
Lieber noch
als der Meisterteller oder der Pokal aus Brüssel wäre dem herzensguten
Trainer etwas anderes: "Unser Stadion ist ein schlecht gepflegter Friedhof",
das müsse anders werden. Dabei weiß er sich einig mit Präsident
Günther Kaltenbrunner, der als Angestellter der Bank Austria ein Jahresbudget
von umgerechnet zehn Millionen Mark erkämpft hat. Das ist zwar immer
noch weniger, als der ärmste deutsche Erstligaverein zur Verfügung
hat, aber immerhin das Doppelte des Vorjahres. Große Einkäufe
sind da nicht drin. Wer unbedingt gehen will, dem will Ernst Dokupil nicht
nachweinen. "Auch andere Mütter haben schöne Söhne." Günther
Kaltenbrunner, selbst ehemaliger Fußballprofi: "Wir sind kein Millionärsklub.
Wir sind Rapid."
Weil Rapid
eben Rapid ist, der Ball rund, das Glück ein Vogerl und die Liebe eine
Himmelsmacht, löst sich denn auch manches wie von allein. Carsten Jancker,
der seit seinen sieben Europacuptoren woanders mehr Geld verdienen könnte
als bei Rapid, hat sich verliebt. In die Rapid-Sekretärin. Darum bleibt
er. Im Sommer, melden die Zeitungen, heiraten "der blonde Lackl" und "das
Wiener Madl". Auch Gaby wird sich freuen.
(c) DIE ZEIT 1996
Ein Seitenblick von Andre Tuchmann